Die drei Stufen der Wirklichkeit - Das neue Gottes- und Menschenbild

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Die drei Stufen der Wirklichkeit  von  Hartmut Neumann

Das Hintergrundfeld, wie Prof. Dr. Hans-Peter Dürr es nennt, ist ergebnisoffen und absichtslos. Es ist aber nicht als äußeres Objekt erkennbar, sondern eher durch eine innere Erkenntnis erfahrbar,  was wir umgangssprachlich eher als „Erleuchtung" bezeichnen würden. Und die Erkenntnis dessen, was wir in der Erleuchtung erfahren können, könnte man als Liebe oder Gott bezeichnen. Der Begriff Gott oder das, was wir uns unter Gott vorstellen, ist eigentlich nur das Symbol für die Wirklichkeit, die Prof. Dürr als Hintergrundfeld bezeichnet.
Wenn wir nun mal das menschliche, verstandesgemäße Betrachten verlassen, also die Welt der Erscheinungen hinter uns lassen und die Möglichkeiten der Erfahrung des Hintergrundfeldes erforschen, so unterscheiden die Mystiker des Westens auch dort in der reinen Seinserfahrung noch Stufen der Intensität und Erfahrung.

In der ersten  „Erleuchtungsstufe"  erfährt die sich hingebende Seele sich als eins mit dem ganzen Universum, als nichtgetrenntes Sein in allem Sein. Mystiker bezeichnen diesen Seinszustand als frei von Raum und Zeit, als wären Augenblick und Ewigkeit während der Erleuchtung verschmolzen. Dieser Erfahrungs- und Kenntniszustand wird innerhalb der Kirchen als „kosmisches" oder auch als „ozeanisches Bewusstsein" bezeichnet. Das aus diesem Bewusstseinsfeld wieder herausgetretene Ich neigt danach zu einer pantheistischen Weltsicht.
Es gibt jedoch weitere Erfahrungsstufen.

ln der nächsthöheren Stufe erfährt die menschliche Seele sich nicht mehr getrennt und nicht mehr losgelöst von der All-Seele, was Prof. Dürr als Hintergrundfeld bezeichnet.
Mystiker beschreiben diese Erfahrung etwa so: „Zuerst befand ich mich im Zustand des kosmischen Bewusstseins, es gab kein Ich-Bewusstsein mehr, nur noch Sein in raum- und zeitloser Seligkeit. Das Empfinden war eine gegenstandslose Wirklichkeit. Aus dem Nichts heraus war plötzlich Liebe da, unbeschreibliche, unvorstellbare Liebe. Sie kam völlig überraschend, füllte das ganze Wesen aus und verdrängte so den vorigen Zustand des kosmischen Bewusstseins. Und diese Liebe wuchs ins Unendliche, aber zeitlos wie eine Explosion, bis nur noch Liebe da war, absolute Liebe."

Dieser Zustand absoluter Liebe ist nicht mit Worten oder Begriffen beschreibbar, aber er war anders und vollkommener als die Seinserfahrung im kosmischen Bewusstsein. Die Erfahrung dort war nur ein „Sein", Jetzt war es „Liebe". Diese Erfahrung, nicht nur Teil der All-Liebe, sondern die Liebe selbst gewesen zu sein, blieb danach noch viele Jahre wach, so als wäre es gerade passiert. Prof. Dürr sagt zum Begriff Liebe: „Liebe steht für den Zusammenhang, die Urbeziehung dessen, was wir als getrennt erleben, also aller Wesen und der gesamten Schöpfung."

In diesem Sinne wird der, welcher diese Liebe erfahren hat, dies Einssein mit der gesamten Schöpfung und damit auch mit dem „Gesamtgeist der Schöpfung" sich noch lebenslang als Einsgewesen sein mit dem Göttlichen fühlen, ja, wissen. Da das menschliche Wesen personal und a-personal zugleich erfahren werden kann, wird diese Gotteserfahrung vom Mystiker als personale Gotteserfahrung wahrgenommen und auch als solche bewertet.

Das ist so erklärbar, dass der, welcher die ganzheitliche Gotteserfahrung in der mystischen Liebe erlebt hat, ja selber Subjekt ist und bleibt, so lange er lebt. Er hat die absolute kosmische Liebe, die Erfahrung des Einsseins mit allen Wesen und mit allem, was ist, also auch mit dem allgegenwärtigen Schöpfergeist, erlebt und erfahren. Das bedeutet, dass man sich fortan als ein Kind Gottes oder als ein Kind des Universums empfindet. Der Christus- Geist ist seither für Christen das Symbol für den menschgewordenen Allgeist der wir ja eigentlich selber sind.

In der dritten Erleuchtungsstufe verwandelt sich das Bewusstsein erneut. Zuvor war die Seele im Christusbewusstsein in Liebesseligkeit geborgen gewesen. Eine Steigerung des Bewusstseins schien gar nicht mehr möglich und ist dennoch möglich, wenn auch kaum mit Worten auszudrücken. Hierfür ein Gleichnis: Wie, wenn das Licht unserer Sonne in die noch größere Zentralsonne hineinstürzt - mit Ihrer ganzen Substanz und nun Licht zu dieser wird, so könnte man den Wandel vom Christusbewusstsein zum All- Bewusstsein darstellen.
Für die Seele, die vorher mit allen Seelen und mit der Allseele eins war, ist es, als wenn diese Seele nun in die Weite des Kosmos hinaus explodiert und zur Weite des Kosmos wird, mit der Erfahrung des „Alles und des Nichts" im Zustand des Nirvana. Der aus dem Nirvana wiedergeborene wird berichten, dass da nichts mehr war, auch kein Urgrund, auch kein Welt-Ethos, auch kein Gott mehr.
Die letzte bezeugbare und personale Gotterfahrung war noch in der Liebes-Seligkeit im Christusbewusstsein. So mag das Christusbewusstsein die Stufe sein, auf der eine personale Gotteserfahrung durch die Liebe noch möglich ist. Doch im All-Bewusstsein und schließlich im Nirvana wird alles a-personal.

Erschienen in: Deutsches Yoga-Forum I Heft 04 I 08/2012 LESERBRIEF ZU »DER YOGA DER PHYSIK«, DYF 3/2012.


 
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